Die moderne Wirtschaft hat eine fundamentale Transformation durchlaufen, die in der öffentlichen Debatte kaum angemessen verstanden wird: Die Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft ist bereits vollzogen. Was einst zwei getrennte Sphären waren – die eine beschäftigt mit der Produktion realer Güter und Dienstleistungen, die andere mit deren Finanzierung – ist längst zu einem einzigen, kaum noch zu entwirrenden Komplex geworden. Diese Verschmelzung hat dramatische Konsequenzen für die Steuerungsfunktion des Geldes und für die demokratische Kontrolle über wirtschaftliche Prozesse – und wir leben bereits in dieser neuen Realität.

Das klassische Modell: Die Trennung von Finanz- und Realwirtschaft

Um die Tragweite der Verschmelzung zu verstehen, müssen wir zunächst das traditionelle Modell betrachten. In der klassischen Marktwirtschaft waren Finanz- und Realwirtschaft funktional getrennt:

Die Realwirtschaft produzierte Güter und Dienstleistungen. Preise funktionierten als Informationsträger: Wenn Knappheit herrschte, stiegen die Preise und signaligten Unternehmern Gelegenheiten. Die Aussicht auf höhere Gewinne motivierte sie, mehr zu produzieren. Sinkende Preise signalisierten Überangebote – Produzenten reduzierten ihre Aktivitäten. Dieser Mechanismus allokierte Ressourcen dezentral, ohne zentrale Planung.

Die Finanzwirtschaft spielte eine dienende Rolle: Sie stellte Kapital zur Verfügung, damit Unternehmen investieren konnten. Banken finanzierten Fabriken, Händler und Innovationen. Doch die Finanzwirtschaft bestimmte nicht, was produziert wurde – sie ermöglichte nur die Produktion dessen, was die Realwirtschaft basierend auf Preissignalen als sinnvoll erkannt hatte.

Diese Trennung war kein Zufall, sondern funktional notwendig: Preise konnten nur dann echte Knappheitssignale senden, wenn sie nicht durch spekulative Finanzströme verzerrt wurden. Friedrich August von Hayek pries diesen Mechanismus als unübertreffliches Informationssystem, das Millionen dezentraler Entscheidungen koordinierte.

Die vollzogene Verschmelzung: Finanzlogik hat die Realwirtschaft übernommen

Doch dieses Modell existiert heute nicht mehr. Die moderne Wirtschaft ist bereits durch eine tiefgreifende Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft gekennzeichnet, die die ursprüngliche Steuerungsfunktion des Geldes fundamental verändert hat. Finanz- und Realwirtschaft sind nicht mehr getrennt – sie sind längst zu einem Hybrid verschmolzen, in dem die Finanzlogik vollständig dominiert. Diese Verschmelzung ist keine Zukunftsvision, sondern aktuelle Realität:

1. Spekulative Preisbildung hat Knappheitssignale ersetzt

Preise reflektieren längst nicht mehr reale Knappheiten oder Überschüsse, sondern spekulative Erwartungen, Hedging-Strategien und Finanzmarktdynamiken. Rohstoffpreise werden nicht mehr primär von Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern von Derivatemärkten, auf denen das Hundertfache der realen Produktion gehandelt wird. Wenn der Ölpreis steigt, liegt das heute in den meisten Fällen nicht an physischer Knappheit – sondern an Hedgefonds, die auf steigende Preise wetten.

Die Informationsfunktion des Preises ist verloren gegangen: Produzenten können nicht mehr zwischen echten Knappheitssignalen und spekulativen Blasen unterscheiden. Die Finanzlogik hat die Realwirtschaft bereits vollständig überlagert.

2. Finanzialisierung hat die Unternehmensführung übernommen

Unternehmen orientieren sich längst nicht mehr an Produktpreisen als Marktsignalen, sondern an Aktienkursen, Quartalszahlen und Shareholder Value. Die Entscheidung, ob ein Produkt entwickelt wird, hängt heute nicht mehr davon ab, ob es echte Bedürfnisse erfüllt, sondern davon, ob es die Renditeerwartungen der Finanzinvestoren befriedigt.

Ein Beispiel: Pharmaunternehmen verzichten auf die Entwicklung von Medikamenten gegen seltene Krankheiten – nicht weil es technisch unmöglich wäre, sondern weil die erwartete Rendite zu niedrig ist. Die Finanzlogik entscheidet bereits über Leben und Tod, nicht die Realwirtschaftslogik (Bedarf und Machbarkeit).

Diese Finanzialisierung hat bereits alle Ebenen durchdrungen: Manager werden nicht nach langfristiger Wertschöpfung bezahlt, sondern nach kurzfristigen Aktienkurssteigerungen. Aktienrückkäufe sind längst wichtiger geworden als Investitionen in Forschung und Entwicklung. Die Realwirtschaft ist zum Vehikel für Finanzrenditen geworden, nicht umgekehrt.

3. Geldflut hat Zombieunternehmen geschaffen

Niedrigzinspolitik und quantitative Lockerung haben eine Situation geschaffen, in der unrentable Unternehmen seit Jahren am Markt bleiben. Sie refinanzieren sich permanent zu Niedrigzinsen, ohne jemals profitabel zu werden. Der klassische Steuerungsmechanismus – unrentable Anbieter verschwinden, profitable expandieren – ist längst außer Kraft gesetzt.

Die Konsequenz: Kapital ist gebunden in Unternehmen, die keine realen Bedürfnisse erfüllen, sondern nur existieren, weil das Finanzsystem sie am Leben hält. Die Verschmelzung hat sich hier bereits vollzogen: Die Realwirtschaft wird nicht mehr nach ihren eigenen Gesetzen gesteuert (Produktivität, Innovation, Bedürfniserfüllung), sondern nach den Gesetzen der Finanzwirtschaft (Liquidität, Refinanzierung, Zinssätze).

4. Monopolisierung durch Finanzkraft ist Realität geworden

Unternehmen mit milliardenschwerer Finanzkraft haben ganze Branchen aufgekauft oder strategisch ausgehungert. Sie haben ihre Finanzierungsmacht nicht genutzt, um bessere Produkte zu schaffen oder echte Kundenbedürfnisse zu erfüllen, sondern um Konkurrenz zu eliminieren und Marktmacht zu konzentrieren.

Der Preismechanismus hat seine steuernde Kraft verloren: Nicht der beste Anbieter gewinnt, sondern der mit dem größten Kapital. Amazon konnte jahrelang Verluste machen, weil es über unbegrenzte Refinanzierungsmöglichkeiten verfügte. Lokale Buchläden, die profitabel waren, aber kein Finanzkapital hatten, sind verschwunden. Die Realwirtschaft wird längst nicht mehr nach realwirtschaftlicher Logik (Qualität, Service, Effizienz) gesteuert, sondern nach Finanzlogik (Kapitalmacht, Refinanzierung, Marktdominanz).

5. Vermögenspreisblasen haben produktive Investitionen ersetzt

Massive Geldströme fließen längst nicht mehr in die Realwirtschaft, sondern in Immobilien, Aktien und andere Vermögenswerte. Diese Preisanstiege senden keine Signale an Produzenten, mehr Wohnungen zu bauen oder mehr Fabriken zu errichten – sondern befeuern spekulative Zyklen, in denen Investoren auf weitere Preissteigerungen setzen.

Das Ergebnis: Kapital ist gebunden in spekulativen Blasen, statt in produktive Investitionen zu fließen. Die Verschmelzung zeigt sich hier in der vollzogenen Umkehrung: Nicht die Finanzwirtschaft dient der Realwirtschaft, sondern die Realwirtschaft (z.B. Immobilien) ist zum Spekulationsobjekt der Finanzwirtschaft geworden.


Die Steuerungsfunktion des Geldes über Preissignale ist fundamental gebrochen. Die Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft hat bereits dazu geführt, dass Finanzlogik die Realwirtschaft vollständig dominiert – nicht umgekehrt. Diese Transformation ist vollzogen, nicht im Werden.

Die Verschmelzung hat die Politik erfasst: Finanzkapital hat demokratische Kontrolle ausgehöhlt

Die Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft ist nicht auf die Wirtschaft beschränkt geblieben – sie hat auch die Politik bereits erfasst. Der Staat – einst der Akteur, der Märkte regulieren und gesellschaftliche Ziele durchsetzen konnte – ist selbst Teil dieser Verschmelzung geworden. Die Finanzlogik, die bereits die Realwirtschaft dominiert, hat auch die politische Sphäre längst durchdrungen.

Das ist keine Verschwörung, sondern die bereits eingetretene strukturelle Konsequenz der Verschmelzung: Weil Finanzkapital die Realwirtschaft steuert, steuert es zwangsläufig auch die Politik, die von dieser Realwirtschaft abhängt. Die Mechanismen dieser politischen Finanzialisierung sind bereits Realität:

1. Steuervermeidung hat den Staat ausgehungert

Die größten Konzerne zahlen faktisch keine Steuern – sie nutzen legale Steuervermeidungsstrukturen, um Gewinne in Niedrigsteuerländer zu verschieben. Das Ergebnis: Staaten haben ihre Finanzierungsbasis bereits verloren. Ein Staat ohne Steuereinnahmen ist ein Staat ohne Handlungsfähigkeit.

Diese Dynamik ist eine direkte Folge der vollzogenen Verschmelzung: Konzerne, deren Finanzabteilungen mächtiger geworden sind als ihre Produktionsabteilungen, nutzen Finanzinstrumente, um ihre Steuerlast zu minimieren. Die Finanzlogik (Renditeoptimierung durch Steuervermeidung) hat bereits die Realwirtschaftslogik dominiert (faire Beiträge zur Infrastruktur, die die Produktion ermöglicht). Der Staat ist finanziell ausgehungert worden – durch die gleiche Finanzlogik, die bereits die Realwirtschaft dominiert.

2. Regulatorische Arbitrage hat Gesetze entmachtet

Konzerne haben ein System etabliert, in dem sie Länder gegeneinander ausspielen. Wenn eine Region Umweltstandards erhöht, verlagern sie die Produktion. Wenn Arbeitnehmerrechte gestärkt werden, setzen sie Automatisierung durch. Diese Fluchtmöglichkeit hat nationale Politik bereits handlungsunfähig gemacht. Die Drohung des Entzugs ist mächtiger geworden als jedes Gesetz.

Auch hier hat sich die Verschmelzung vollzogen: Konzerne treffen Standortentscheidungen nicht mehr nach realwirtschaftlichen Kriterien (Nähe zu Märkten, Qualifikation der Arbeitskräfte, Infrastruktur), sondern nach Finanzkriterien (niedrigste Steuern, geringste Regulierungskosten, maximale Rendite). Die Finanzlogik hat die Politik bereits ausgehebelt.

3. Lobbying hat Gesetze gekapert

Milliarden fließen bereits seit Jahren in politische Einflussnahme. Konzerne beschäftigen Heerscharen von Lobbyisten, die Gesetzgebungsprozesse mitgestalten. Parteien werden durch Spenden beeinflusst. Die Grenze zwischen Wirtschaft und Politik ist längst verschwommen. Was als “Interessenvertretung” gilt, ist die bereits vollzogene Umwandlung von Geldmacht in politische Macht.

Die Verschmelzung hat sich hier in der direkten Übersetzung vollzogen: Finanzkapital ist zu politischem Kapital geworden. Der Staat ist nicht überwunden worden, sondern durchdrungen von den Interessen, die er regulieren soll. Die Finanzlogik (wer am meisten zahlt, hat den größten Einfluss) hat die demokratische Logik ersetzt (eine Person, eine Stimme).

4. Selbst supranationale Institutionen sind gescheitert

Die Europäische Union – der Staatenbund mit der größten wirtschaftlichen Kraft nach den USA – ist bereits daran gescheitert, ihre Ziele gegen billionenschwere Konzerne durchzusetzen. Tech-Giganten zahlen Bußgelder, die für sie bedeutungslos sind. Der Digital Services Act ist verwässert worden durch Lobbyismus.

Dass sogar die EU gescheitert ist, zeigt die bereits eingetretene Macht der Verschmelzung: Finanzkapital ist globaler, flexibler und ressourcenstärker geworden als jede staatliche Institution. Die Verschmelzung hat transnationale Finanzkonzerne geschaffen, die mächtiger sind als Nationalstaaten – und in vielen Bereichen sogar mächtiger als supranationale Zusammenschlüsse.

5. Neoliberale Selbstaushöhlung hat den Staat entwaffnet

Ein tragisches Paradoxon, das sich bereits vollzogen hat: Der Staat hat sich selbst schwach gemacht. Die neoliberale Doktrin (“Der Markt regelt alles”) wurde in Politik umgesetzt – Regulierung wurde abgebaut, Märkte wurden liberalisiert. Das Ergebnis: Der Staat verfügt nicht mehr über die Ressourcen, um gegen Konzernmacht zu bestehen. Er hat sich selbst entwaffnet.

Diese Selbstaushöhlung ist selbst ein Produkt der vollzogenen Verschmelzung: Die neoliberale Ideologie ist nicht neutral, sondern war eine Übersetzung der Finanzlogik in politische Doktrin. “Der Markt regelt alles” bedeutete in der Praxis: “Finanzkapital soll ungehindert agieren können.” Der Staat hat die Finanzlogik internalisiert und gegen sich selbst gerichtet.

6. Privatisierung hat die Kontrolle übernommen

In dem Vakuum, das der Staat hinterlassen hat, sind bereits privatwirtschaftliche Kontrollformen entstanden. Kreditratingagenturen bestimmen über die Bonität von Staaten. Zahlungsdienstleister sind zu Regulatoren geworden. Tech-Plattformen kontrollieren öffentliche Diskurse.

Das Problem: Diese privaten Akteure unterliegen keiner demokratischen Kontrolle, keiner öffentlichen Rechenschaft, keinem Gemeinwohl-Mandat. Die Steuerungsmacht hat sich verlagert von politischer Entscheidungsfindung auf private Geschäftsinteressen. Die Verschmelzung ist komplett vollzogen: Politik ist selbst zu einer Form von Finanzlogik geworden – und Finanzakteure haben politische Funktionen übernommen.

Die vollzogene Verschmelzung als Kern des Problems

Wir leben bereits in einer Realität, deren Kern wir verstehen müssen: Die Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft ist nicht nur ein wirtschaftliches Phänomen – sie ist eine bereits vollzogene systemische Transformation, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft grundlegend umgestaltet hat.

Diese Verschmelzung hat bereits drei Ebenen erfasst:

1. Ebene: Realwirtschaft – Finanzlogik hat die Produktion übernommen. Preise reflektieren nicht mehr Knappheit, sondern Spekulation. Unternehmen orientieren sich an Aktienkursen statt an Kundenbedürfnissen. Zombieunternehmen überleben bereits seit Jahren durch billige Refinanzierung. Monopole sind entstanden durch Finanzkraft statt durch bessere Produkte.

2. Ebene: Politik – Finanzkapital hat die demokratische Kontrolle durchdrungen. Steuervermeidung hat dem Staat die Finanzierungsbasis entzogen. Regulatorische Arbitrage hat Gesetze wirkungslos gemacht. Lobbying hat Geldmacht in politische Macht verwandelt. Selbst supranationale Institutionen sind gescheitert.

3. Ebene: Gesellschaftliche Steuerung – Die dezentralen Steuerungsmechanismen (Preissignale) sind gebrochen. Die politischen Gegenkräfte sind gelähmt. In diesem Vakuum sind bereits neue, zentralisierte Steuerungssysteme entstanden – kontrolliert von denselben Finanzakteuren, die die alte Ordnung zerstört haben. Tech-Plattformen, Finanzkonzerne und Datenmonopolisten bestimmen bereits, welche Wirtschaftsaktivitäten stattfinden. Die Steuerung hat sich konzentriert in privaten Händen, ohne demokratische Kontrolle, ohne Gemeinwohl-Verpflichtung.


Das ist die aktuelle Realität: Die Verschmelzung hat nicht zu besseren Steuerungsmechanismen geführt, sondern zu noch zentralisierteren, noch unkontrollierteren, noch weniger dem Gemeinwohl verpflichteten Strukturen. Die Finanzlogik hat sich nicht nur mit der Realwirtschaft verschmolzen – sie hat sie übernommen. Und sie hat auch die Politik bereits übernommen.

Die entscheidenden Fragen lauten daher:

  • Wie können wir die Verschmelzung umkehren oder zumindest demokratisch kontrollieren?
  • Ist es möglich, Finanz- und Realwirtschaft wieder zu trennen – oder zumindest die Dominanz der Finanzlogik zu brechen?
  • Können wir Steuerungsfunktionen dezentralisieren und demokratisieren, bevor neue technische Systeme die Machtkonzentration endgültig verfestigen?
  • Wie können wir alternative Wirtschaftsformen schaffen, die nicht der Finanzlogik unterliegen?

Wie können wir die vollzogene Verschmelzung überwinden? Der Weg zu neuen Wirtschaftsformen

Die Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft ist vollzogen – aber sie ist kein Naturgesetz. Sie war das Ergebnis spezifischer Entscheidungen, Strukturen und Denkmuster. Um sie zu überwinden, müssen wir neue Wirtschaftsformen entwickeln, die strukturell immun gegen die Dominanz der Finanzlogik sind.

Das Kernproblem der vollzogenen Verschmelzung ist: Finanzlogik hat alle anderen Logiken überlagert. Realwirtschaftliche Bedürfnisse, demokratische Prozesse, ökologische Notwendigkeiten – alles ist der Renditelogik untergeordnet worden. Um das zu überwinden, brauchen wir Wirtschaftsformen, in denen andere Logiken strukturell verankert sind.

Der Ansatz: Strukturelle Trennung durch beziehungsbasierte Systeme

Hier zeigt sich eine paradoxe Wahrheit: Das eigentliche Problem ist nicht das Geld selbst, sondern die Entkopplung von Geld und realen Beziehungen, die bereits stattgefunden hat. Die Verschmelzung basierte darauf, dass Geld abstrahiert wurde – es wurde von konkreten Austauschbeziehungen entkoppelt und kann seitdem frei spekulieren, akkumulieren und dominieren.

Kontextuales Geld mit intrinsischer Deckung bietet einen Gegenentwurf: Geld, das strukturell an Beziehungen gebunden ist. Das Grundprinzip: Geld entsteht nicht durch zentrale Schöpfung, sondern durch gegenseitiges Vertrauen in einer Gemeinschaft – wie in klassischen Mutual-Credit-Systemen, die es seit Jahrtausenden gibt.

Was würde sich dadurch ändern?

1. Strukturelle Immunität gegen Finanzialisierung

Wenn Geld an konkrete Beziehungen gebunden ist, kann es nicht für spekulative Zwecke abstrahiert werden. Es gibt keinen “Finanzmarkt” für kontextuales Geld, weil es nur im Kontext der Gemeinschaft Wert hat. Die Verschmelzung wird strukturell verhindert – Finanzlogik kann nicht dominieren, weil sie gar nicht anwendbar ist.

2. Steuerung durch Transparenz statt Manipulation

Statt versteckter Finanzflüsse von Tech-Konzernen gibt es sichtbare, dokumentierte Austauschbeziehungen. Jede Person kann sehen, wer mit wem wirtschaftet und warum. Die Steuerungsfunktion wird transparent – nicht durch zentrale Kontrolle, sondern durch kollektive Sichtbarkeit.

3. Dezentralisierte Macht statt Konzentration

Jede Gemeinschaft kann ihre eigenen Regeln für Geldsteuerung setzen – nicht zentrale Banken, nicht Plattformen, nicht Finanzkonzerne. Die Verschmelzung wird durch Dezentralisierung überwunden – es gibt keine zentralen Finanzakteure, die die Realwirtschaft dominieren könnten.

4. Demokratische Teilhabe statt Expertenkontrolle

Die Steuerungsfunktion des Geldes wird nicht von Experten “gemacht”, sondern kollektiv und bewusst gestaltet durch alle Beteiligten. Die Finanzlogik wird durch demokratische Logik ersetzt – nicht Rendite bestimmt, was geschieht, sondern kollektive Bedürfnisse.

5. Intellektuelle Souveränität statt neoliberale Prägung

Wenn Gemeinschaften ihre eigenen Geldkonzepte entwickeln, befreien sie sich von der dominanten neoliberalen Sprachprägung, die Konkurrenz als Naturgesetz darstellt. Die Verschmelzung wird auch auf der Ebene des Denkens überwunden – neue Begriffe, neue Konzepte, neue Möglichkeiten entstehen.


Die Verschmelzung ist vollzogen – aber die Zeit ist reif, alternative Strukturen zu schaffen. Kontextuales Geld mit intrinsischer Deckung ist ein Ansatz, der die vollzogene Verschmelzung strukturell überwinden könnte. Es gibt andere Ansätze – Genossenschaften, Gemeingüter, solidarische Ökonomie. Und es entstehen bereits konkrete Projekte, deren Tendenz in die richtige Richtung weist: Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften wie bei Myzelium oder dem CSX-Netzwerk, wo Gemeinschaften Betriebskosten vorfinanzieren statt Produkte auf dem Markt zu kaufen. Das Konzept des Beteilens bei der WiRschaft Usinger Land oder bei TEIKEI Coffee, wo Menschen gemeinsam produzieren und Güter gleichberechtigt teilen. Was diese Ansätze verbindet: Sie erkennen, dass als Grundlage nachhaltigen Wirtschaftens gesunde und respektvoll gepflegte Beziehungsnetzwerke – ich bezeichne sie gerne als Solidargemeinschaften – unabdingbar sind. Sie trennen wieder, was verschmolzen wurde. Sie schaffen Räume, in denen Realwirtschaft, Politik und Gesellschaft eigenen Logiken folgen können – nicht der Finanzlogik.

Doch viele dieser Projekte unterschätzen bisher die Kraft der etablierten Geldkultur. Sie experimentieren mit neuen Organisationsformen, übersehen aber oft, wie tief die Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft, wie fundamental die Dominanz der Finanzlogik bereits in unserem Denken und Handeln verankert ist. Ein bewusstes Anschauen der in diesem Blog beschriebenen Phänomene – die Verschmelzung selbst, die Steuerungsfunktion des Geldes, die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Deckung, die Rolle von Kontextbewusstsein – könnte die dringend notwendige Transformation boosten. Denn ohne strukturelle Alternativen und ohne ein tiefes Verständnis der Mechanismen, die wir überwinden wollen, wird die Verschmelzung sich weiter verfestigen – bis Finanzlogik endgültig alles dominiert.

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Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:

Gruppe B - Kontextbewusstsein:

Gruppe C - Metasystem & Transformation: