Wir reden über “das Geld”, als gäbe es eine einheitliche Substanz, die überall gleich funktioniert. Doch diese Vorstellung ist eine gefährliche Illusion. Wie im alltäglichen Leben – etwa an der Supermarktkasse, wo kooperative und opportunistische Menschen aufeinandertreffen – existieren auch im Geldsystem verschiedene Kontexte, die fundamental unterschiedlich operieren. Und genau wie dort zeigt sich: Ohne Kontextbewusstsein können wir die Dynamiken nicht verstehen, die unsere Solidargemeinschaft prägen.

Die blinden Flecken unseres Gelddenkens

In Wahrheit existieren verschiedene Ausprägungen von Geld, die in fundamental unterschiedlichen Kontexten operieren – und die meisten Menschen, selbst viele Fachleute, sind sich dieser Unterschiede entweder nicht bewusst oder es ist ihnen schlichtweg egal.

Betrachten wir die verschiedenen Kontexte:

Kontext A: Das organisatorische Geld

Der Euro als annahmepflichtige Währung organisiert unser arbeitsteiliges Miteinander. Er ist das Medium, über das der Staat unsere Solidargemeinschaft strukturiert. Hier geht es um Austausch, um die Koordination wirtschaftlicher Aktivität, um das tägliche Funktionieren unseres Zusammenlebens.

Kontext B: Das private Kreditgeld

Private Banken haben eine fast magische Fähigkeit: Sie können Geld per Buchungssatz aus dem Nichts schaffen, wenn sie Kredite vergeben. Sie “zaubern” quasi – sie erschaffen zuerst Kredit, der dann durch Auszahlung in Bar zur Staatswährung € wird. Dieses Geld entsteht nicht durch Arbeit oder Wertschöpfung, sondern durch das Versprechen zukünftiger Rückzahlung. Es ist Geld, das auf Schuld basiert und dessen Menge sich mit der Kreditvergabe ständig verändert.

Kontext C: Das spekulative Kapital

Überflüssiges Geld, das nicht mehr der Organisation des Miteinanders dient, sondern zum Selbstzweck geworden ist. Es sucht nicht nach Gebrauchswert, sondern nach Renditemaximierung. Es ist Geld, das sich von den Bedürfnissen der Realwirtschaft abgekoppelt hat.

Kontext D: Das staatliche Kreditgeld

Geld, das der Staat selbst als Kredit in Umlauf bringt, um öffentliche Aufgaben zu finanzieren. Es unterscheidet sich fundamental vom privaten Kreditgeld, weil hier die Gemeinschaft selbst als Schuldner und Gläubiger auftritt.

Dabei ist es bisher nicht wirklich im Bewusstsein aller Beteiligten, dass hier ständig umverteilt wird. Wir als Solidargemeinschaft BRD bürgen für das staatlich geschaffene Geld – und im Grunde wäre ein Rückfluss dieses Geldes nach Benutzung natürlich. Geld ist eine Sozialtechnik, die eigentlich niemand gehören kann.

In der aktuellen Praxis erschafft der Staat Geld zur Erschaffung von Gemeinwohl, das dann in Windeseile privatisiert und vor der Gemeinschaft versteckt wird. Diese Dynamik wird verständlicher, wenn man den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Gelddeckung betrachtet.

Die fatale Kontextblindheit

Das Problem ist nicht die Existenz dieser verschiedenen Geldformen. Das Problem ist die fehlende Unterscheidung. Wenn wir über “Geld” sprechen, ohne zu klären, in welchem Kontext es operiert, gehen wir davon aus, dass alle nach denselben Regeln spielen.

Befeuert durch die Kontextblindheit, die schon Generationen andauert, ist ein großes Ungleichgewicht entstanden. Im Kapitalismus des vorigen Jahrhunderts ist durch ungleiche Machtverteilung viel spekulatives Geld entstanden. Dieses Geld wurde dann im Zeitalter des Geldismus durch Kreditgeld aufgebläht und hat private Hypermilliardäre erschaffen, die finanziell potenter als ganze Staaten sind.

Diese Kontextblindheit hat konkrete Folgen:

Organisatorisches Geld und spekulatives Kapital werden verwechselt. Wenn der Staat Geld ausgibt, um Infrastruktur zu bauen oder Bildung zu finanzieren, wird das mit denselben Maßstäben bewertet wie private Verschuldung. Die Frage “Wie soll das bezahlt werden?” offenbart das Missverständnis: Staatliches Geld funktioniert nicht wie das Haushaltsgeld einer Familie.

Kreditgeld erscheint als neutrale Ressource. Die Tatsache, dass private Banken Geld aus dem Nichts schaffen können, wird ausgeblendet oder verharmlost. Dabei ist diese Macht über die Geldschöpfung eine der größten Umverteilungsmaschinen unserer Zeit – vom Gemeinwohl hin zu privaten Renditeinteressen.

Spekulatives Kapital wird als “Investition” verklärt. Wenn überflüssiges Geld die Immobilienpreise in die Höhe treibt oder Nahrungsmittel zur Spekulationsmasse macht, zerstört es die Funktion des organisatorischen Geldes. Doch statt diese Kontextverschiebung zu benennen, reden wir von “Marktmechanismen” und “Angebot und Nachfrage”.

Die Mechanik der Umverteilung – im Großen

Was im Kleinen geschieht – die Umverteilung von den Kooperativen zu den Opportunisten – wiederholt sich im Geldsystem in gigantischem Maßstab. Nur dass es hier nicht um ein paar Euro Rabatt geht, sondern um Billionen, um die Grundlagen unseres Zusammenlebens.

Wer die Kontexte nicht unterscheidet, versteht nicht, warum:

  • Sparer enteignet werden, während Schuldner profitieren – nicht weil Schulden moralisch besser wären, sondern weil die private Geldschöpfung durch Kredit systemisch die Schuldenposition bevorzugt.

  • Vermögenspreise explodieren, während Reallöhne stagnieren – nicht wegen Leistungsunterschieden, sondern weil spekulatives Kapital in einem anderen Kontext operiert als organisatorisches Geld.

  • Staatsverschuldung als Krise inszeniert wird, obwohl sie in vielen Fällen notwendige Investitionen blockiert – weil der Kontext des staatlichen Kreditgeldes mit dem Kontext privater Verschuldung verwechselt wird.

Die kooperativen Bürger, die ihr Geld verdienen und ausgeben, um am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, werden systematisch benachteiligt gegenüber denen, die verstanden haben, in welchem Kontext Geld wirklich Macht entfaltet: als Kredit, als Kapital, als Spekulationsmasse.

Von der Kontextblindheit zur kontextbewussten Geldordnung

Eine Solidargemeinschaft, die funktionieren soll, braucht ein differenziertes Verständnis von Geld. Nicht “das Geld” an und für sich ist das Problem, sondern die unbewusste Vermischung verschiedener Geldfunktionen.

Dem monolithischen Geldsystem muss eine Vielfalt an “organisatorischen Geldalternativen” an die Seite gestellt werden. Erst wenn die Menschen eine Wahl bezüglich der finanziellen Organisation unserer Gemeinschaft haben, können sie sich aus der aktuell fast absoluten Abhängigkeit des Geldsystems befreien. Je mehr Menschen dazu bereit und in der Lage sind, desto mehr wird sich das bestehende System wieder vermenschlichen.

Ein transformatives Geldsystem würde die Kontexte sichtbar machen und trennen:

Organisatorisches Geld sollte vor spekulativen Einflüssen geschützt werden. Wenn Geld der Koordination unseres Miteinanders dient, darf es nicht zur Renditemaximierung missbraucht werden. Das bedeutet: klare Grenzen zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft.

Kreditgeld sollte demokratisch kontrolliert werden. Die Macht der Geldschöpfung ist zu wichtig, um sie privaten Interessen zu überlassen. Nicht die Abschaffung von Kredit ist das Ziel, sondern seine Orientierung am Gemeinwohl statt an Einzelinteressen.

Spekulatives Kapital sollte dort eingehegt werden, wo es die anderen Kontexte bedroht. Das bedeutet nicht das Ende von Investitionen, sondern die Unterscheidung zwischen produktivem Kapital und destruktiver Spekulation.

Staatliches Kreditgeld sollte als das verstanden werden, was es ist: ein Instrument zur Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft. Wenn der Staat Geld in Umlauf bringt, um in Bildung, Infrastruktur oder Klimaschutz zu investieren, ist das keine Verschuldung im privaten Sinne, sondern eine Vorfinanzierung zukünftiger Wertschöpfung.

Die Profiteure des vom Staat geschaffenen Geldes müssen begreifen, dass auch sie ihren Beitrag leisten müssen und nicht ständig die Sozialtechnik Geld privatisieren können und damit den Kreislauf unterbrechen.

Kontextuales Geld als Transformationsbooster

Die Anerkennung der Kontextualität von Geld ist mehr als eine theoretische Übung. Sie ist der Schlüssel zu einer grundlegenden Transformation unserer Wirtschaftsordnung.

Eine kontextbewusste Geldordnung würde nicht die Existenz verschiedener Geldformen verhindern – das wäre weder möglich noch wünschenswert. Aber sie würde dafür sorgen, dass die Kontexte nicht widerspruchsfrei nebeneinander existieren und sich gegenseitig aushöhlen. Sie würde sicherstellen, dass:

  • Organisatorisches Geld seine Funktion erfüllen kann, ohne von spekulativem Kapital überlagert zu werden
  • Die Geldschöpfung transparent und demokratisch kontrolliert wird
  • Staatliches Handeln von den Zwängen einer verfehlten Geldlogik befreit wird

Die Umlaufgeschwindigkeit als Transformationsbeschleuniger

Eine kontextbewusste Geldordnung würde auch die Umlaufgeschwindigkeit als zentralen Faktor berücksichtigen. Geld, das schnell umläuft und dabei realwirtschaftliche Wertschöpfung organisiert, hat eine völlig andere Wirkung als Geld, das gehortet oder spekulativ eingesetzt wird.

Kontextuales Geld könnte so gestaltet werden, dass es:

  • Transparenz schafft über die verschiedenen Geldformen und ihre Wirkungen
  • Vielfalt ermöglicht statt Monokultur (verschiedene Geldformen für verschiedene Kontexte)
  • Solidarität durch Design fördert statt sie zu untergraben

Zurück zur Verantwortung – diesmal im Geldsystem

Wenn wir wollen, dass unsere Solidargemeinschaft funktioniert, müssen wir die verschiedenen Kontexte von Geld sichtbar machen. Wir müssen verstehen, dass der Euro in meiner Geldbörse etwas anderes ist als die Milliarden auf den Finanzmärkten. Dass Staatsschulden etwas anderes sind als private Schulden. Dass Kreditgeld etwas anderes ist als erarbeitetes Geld.

Die Frage ist nicht, ob es unterschiedliche Formen von Geld gibt. Die Frage ist, ob wir als Gemeinschaft die Kontextualität dieser Formen erkennen und einen Rahmen schaffen, in dem das Geld wieder das wird, was es sein sollte: ein Instrument unseres Miteinanders, nicht ein Mittel zur Umverteilung von unten nach oben.

Das beginnt mit einem einfachen Schritt: Aufhören, von “dem Geld” zu sprechen, als wäre es eine einheitliche Sache. Anfangen, die Kontexte zu benennen, in denen Geld jeweils operiert. Und dann – Schritt für Schritt – eine Geldordnung aufbauen, die diese Kontexte respektiert, trennt und demokratisch gestaltet.

Denn genau wie im alltäglichen Miteinander gilt auch im Geldsystem: Ohne Konsequenzen lernen Menschen, dass Opportunismus sich lohnt und Kooperation für Dumme ist. Wenn wir diese Lektion nicht umkehren, erodiert nicht nur unser Geldsystem – es erodiert unsere gesamte Solidargemeinschaft.