An einem gewöhnlichen Vormittag im Supermarkt beobachte ich eine Szene, die auf den ersten Blick banal erscheint: Ein Kunde beharrt vehement darauf, ein Sonderangebot zu erhalten, das in unserer kleinen Filiale nie verfügbar war. Zwei Mitarbeiterinnen und die Marktleitung stehen hilflos da, während sich hinter ihnen eine lange Schlange bildet. Der Kunde bekommt schließlich, was er will.

Als Person aus dem autistischen Spektrum analysiere ich meine Umgebung kontinuierlich. Muster, Strukturen und vor allem Gerechtigkeitsfragen springen mir ins Auge. Was ich in diesem Moment sehe, ist mehr als ein Kundenkonflikt – es ist ein Mikrokosmos dessen, was in unserer Gesellschaft zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät.

Das Aufeinandertreffen zweier ethischer Kontexte

In dieser Situation treffen zwei fundamental verschiedene ethische Orientierungen aufeinander:

Typ 1 – nennen wir ihn den kooperativen Typ – orientiert sich an Regeln und Vereinbarungen. Die Marktleitung gehört dazu. Sie geht davon aus, dass Menschen keine unbegründeten Ansprüche stellen. Sie prüft nicht einmal, ob das Sternchen im Prospekt die Verfügbarkeit einschränkt, weil sie in einem Kontext operiert, in dem man sich grundsätzlich an Abmachungen hält und die Gemeinschaft im Blick behält.

Typ 2 – der opportunistische Typ – hat gelernt, dass Regeln flexibel sind, wenn man nur genug Druck ausübt. Er hat keine Lust, den Weg zur größeren Filiale zu machen. Er weiß aus Erfahrung: Wenn er die Mitarbeiter lange genug bedrängt, bekommt er seinen Willen. Und er hat recht.

Das Problem entsteht nicht durch die bloße Existenz beider Typen. Das Problem entsteht, weil sie unreflektiert aufeinandertreffen – ohne dass der Kontext, in dem sie jeweils operieren, sichtbar gemacht und berücksichtigt wird.

Die Erosion des gemeinsamen Kontextes

Früher lebten wir in kleineren, dichteren Gemeinschaften. Der soziale Raum war überschaubar, die gegenseitige Beobachtung intensiv. Wer die ungeschriebenen Regeln des Miteinanders brach, erfuhr soziale Konsequenzen. Der ethische Kontext wurde enger kontrolliert und notfalls durch soziale oder staatliche Intervention eingehegt.

Heute leben wir in einer singularisierten, atomisierten Gesellschaft. Wir begegnen uns flüchtig, anonym, kontextfrei. Der Kunde im Supermarkt muss nicht befürchten, dass sein Verhalten Folgen hat. Er wird die Marktleitung morgen nicht auf der Straße treffen. Er ist nicht Teil einer Gemeinschaft, die sein Verhalten bewertet und sanktioniert.

Diese Auflösung des gemeinsamen Kontextes wird durch das verstärkt, was ich als “kulturelle Verwerfungen unseres Gelddenkens” bezeichne. In einer Gesellschaft, in der zunehmend alles zur Ware wird, in der jede Interaktion als Transaktion begriffen wird, verlieren die nichtkäuflichen Bindungen an Bedeutung: Vertrauen, Reziprozität, das Gefühl gegenseitiger Verpflichtung.

Die Mechanik der Umverteilung

Was in der Supermarktschlange geschieht, ist eine Form der Umverteilung. Der opportunistische Kunde erhält einen Vorteil auf Kosten der Gemeinschaft: Er spart sich den Weg zur anderen Filiale, die Mitarbeiter verlieren Zeit, die wartenden Kunden verlieren Geduld, die Marktleitung verliert Geld. Wichtiger noch: Die kooperativen Kunden, die sich an die Regeln halten, werden bestraft, während regelbrüchiges Verhalten belohnt wird.

Ohne Konsequenzen bleibt diese Lektion nicht unbemerkt. Menschen lernen:

  • dass es funktioniert und nichts passiert
  • dass auch sie gerne solche Vorteile hätten
  • dass Kooperation für “Dumme” ist

Diese Lernkurve wiederholt sich täglich: im Verkehr, wo Drängler durchkommen; im öffentlichen Raum, wo Rücksichtslosigkeit ungeahndet bleibt; in der Wirtschaft, wo Steuervermeidung und Greenwashing profitabler sind als regelkonformes Verhalten.

Kontextblindheit als systemisches Problem

Das eigentliche Problem ist nicht, dass es unterschiedliche ethische Orientierungen gibt. Das Problem ist die Kontextblindheit – die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, zu erkennen, in welchem Kontext der andere operiert und welche Konsequenzen das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kontexte hat.

Die Marktleitung versteht nicht, dass der Kunde in einem anderen ethischen Universum lebt. Der Kunde versteht nicht (oder es ist ihm gleichgültig), welchen Schaden sein Verhalten anrichtet. Und die wartenden Kunden in der Schlange resignieren, weil sie sehen, dass Kooperation nicht belohnt wird.

Für eine funktionierende Solidargemeinschaft – ein Begriff, der treffender ist als das abstrakte Wort “Gesellschaft” – brauchen wir ein Bewusstsein für diese Kontextualität. Wir müssen anerkennen, dass nicht alle aus demselben ethischen Regelwerk operieren, und wir müssen Mechanismen entwickeln, die sicherstellen, dass kooperatives Verhalten nicht systematisch benachteiligt wird.

Das bedeutet nicht Überwachung oder autoritäre Kontrolle. Es bedeutet, dass Institutionen – vom Supermarkt bis zum Staat – lernen müssen, Kontexte zu erkennen und entsprechend zu handeln. Manchmal bedeutet das, dem opportunistischen Kunden freundlich, aber bestimmt zu widersprechen. Manchmal bedeutet es, Strukturen zu schaffen, die Kooperation attraktiv und Regelbruch unattraktiv machen.

Zurück zur Verantwortung

Die unterschätzte Dimension der Kontextualität zwingt uns, wieder über Verantwortung nachzudenken. Nicht als moralische Keule, sondern als praktische Notwendigkeit. Wenn wir wollen, dass unsere Solidargemeinschaft funktioniert, müssen wir die verschiedenen ethischen Kontexte sichtbar machen und dafür sorgen, dass sie nicht widerspruchsfrei nebeneinander existieren.

Das beginnt im Kleinen – an der Supermarktkasse, im Straßenverkehr, in alltäglichen Begegnungen. Es setzt sich fort im Großen: in der Wirtschaftspolitik, im Steuersystem, in der Art, wie wir als Gesellschaft mit Regelbrechern umgehen.

Die Frage ist nicht, ob es unterschiedliche ethische Orientierungen gibt. Die Frage ist, ob wir als Gemeinschaft die Kontextualität dieser Orientierungen erkennen und einen Rahmen schaffen, in dem Kooperation nicht zur Falle wird.

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Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:

Gruppe B - Kontextbewusstsein:

Gruppe C - Metasystem & Transformation: