Kontextbewusstsein: Der fehlende Faktor in unserer Evolution

In meiner Wahrnehmung ist die gesamtgesellschaftliche Unbewusstheit über den Begriff Kontext ein wesentlicher Bremsfaktor im Bezug auf unsere evolutionäre Entwicklung – weg von der Intention “Macht euch den Planeten untertan!” hin zu einem Bewusstsein, dass wir mit der Erde in Gemeinschaft sind.

Der deutsche Physiker Burkhard Heim erweiterte einst unser Verständnis des Universums um die metaphysischen Dimensionen Intention und Struktur. Diese Erweiterung war revolutionär, weil sie eine Brücke schlug zwischen dem Materiellen und dem Bewussten. Heute möchte ich einen Schritt weitergehen und vorschlagen: Es wäre äußerst hilfreich, diese Faktoren um den Begriff Kontextbewusstsein zu ergänzen.

Die Illusion der absoluten Welt

Wir glauben – oder werden gelehrt – dass wir in einer absoluten Welt leben. Wir haben kein Alltagsbewusstsein dafür, dass jegliche Information immer im Kontext betrachtet werden muss. Ja, nicht jedes Mal spielt der Kontext eine entscheidende Rolle, aber trotzdem ist es wichtig, zuerst den Kontext zu benennen, um dann zu entscheiden, ob er Auswirkungen auf die aktuelle Situation hat.

Das Beispiel des Hammers

Stellen wir uns zwei Situationen vor:

Situation 1: Ein Werkzeugladen mit zig verschiedenen Hämmern – Gummihammer, Zimmermannshammer, Maurerhammer, Latthammer. Wikipedia nennt über 70 verschiedene Arten von Hämmern. Hier reicht die Aussage “Ich brauche einen Hammer” nicht aus. Der Kontext erfordert Präzision.

Situation 2: Ein Dachdecker auf dem Dach, der nur einen einzigen Hammer bei sich trägt. Die Aussage “Gib mir bitte den Hammer” ist hier absolut eindeutig und funktional.

Dieselben Worte, völlig unterschiedliche Bedeutung – allein durch den Kontext.

Das Beispiel der Maßeinheiten

Wir glauben, Maßeinheiten seien absolut. Ja, die Abweichungen sind in vielen Situationen irrelevant. Die Gefahr besteht darin, den Grenzüberschritt zu einer Gefahr nicht kommen zu sehen.

Brückenbauer wissen, dass sich Metalle ausdehnen und planen dies ein. Sie rechnen nicht mit einem absoluten Meter, sondern mit einem kontextabhängigen Meter – einem, der sich mit Temperatur und Belastung verändert.

Astronauten haben erfahren, dass das Gewicht nur in einem bestimmten Abstand zur Erde konstant ist. Was auf der Erde 100 Kilogramm wiegt, ist im Orbit schwerelos und auf dem Mond nur noch 16 Kilogramm schwer. Die Zahl bleibt, aber ihre Bedeutung verändert sich radikal – je nach Kontext.

Kontextuales Geld: Ein Praxisbeispiel aus der Tauschring-Bewegung

Talente – Begriffserklärung

In Tauschringen werden Talente als Verrechnungseinheiten verwendet – eine Form von komplementärem Geld, das innerhalb der Gemeinschaft zirkuliert. Der Name betont, dass jedes Mitglied Talente hat, die es gleichwertig gegen die Talente anderer tauschen kann. Diese Verrechnungseinheiten dienen als Maßstab für den Wert von Dienstleistungen und Waren innerhalb des Systems. Mehr Informationen: Tauschwiki – Verrechnungseinheit

Wirtschaftlicher und sozialer Raum

Einerseits sind der wirtschaftliche und der soziale Raum zwei getrennte Bereiche, andererseits beeinflussen sie sich gegenseitig. Diese Unterscheidung wird gerade im folgenden Teil besonders deutlich: Zahlen allein bilden nie die soziale Realität ab – sie brauchen immer den Kontext der Beziehungen, der Geschichte und der Gemeinschaft.

In meiner aktiven Tauschringzeit habe ich eine fundamentale Lektion gelernt: Nicht der absolute Kontostand ist entscheidend, sondern der soziale Kontext, der nicht durch Zahlen ausgedrückt werden kann.

Betrachten wir drei Mitglieder eines Tauschrings:

  • Person A: 6.700 Talente
  • Person B: 70 Talente
  • Person C: -13.000 Talente

Altes Denken: Die Falle der absoluten Zahlen

Nach dem alten Denken wäre Person A das konstruktivste Mitglied des Tauschrings – schließlich hat sie den höchsten positiven Kontostand! Person C hingegen würde als problematisch erscheinen.

Neues Denken: Der Kontext verändert alles

Wenn ich nicht nur den aktuellen Kontostand betrachte, sondern den Kontext einbeziehe, entsteht ein völlig anderes Bild:

Kontext Person A

  • Ein einsamer Mensch kommt in den Tauschring und spammt die Mailingliste voll
  • Versteht nicht, dass das Penetrieren der anderen über die Mailingliste kein echter Kontakt ist
  • Der Kontostand entspricht dem Umsatz – das bedeutet: A hat nur Talente gehortet und kein einziges ausgegeben
  • Damit findet kein wirkliches Tauschen (im Sinne von sozialem Austausch) statt
  • Stattdessen nur Selbstbeweihräucherung: “Ich bin cool, seht meinen Kontostand!”
  • Prahlt mit dem hohen Kontostand und übt Druck auf andere Mitglieder aus: “Ich gebe keine Talente aus, weil ihr nicht das anbietet, was ich brauche”

Realität: Person A blockiert den Fluss im System und nutzt die Gemeinschaft nicht im Sinne des gegenseitigen Gebens und Nehmens.

Kontext Person B

  • Neues Mitglied, findet sich gerade rein
  • Wird wesentlich von den Verhaltensweisen der anderen beeinflusst
  • Hat noch kein Vertrauensnetzwerk aufgebaut
  • Hat noch keine Erfahrung, welche ihrer Fähigkeiten gebraucht werden
  • Hat oft kein Verständnis dafür, dass meist einfache Tätigkeiten, die ihr selbst leicht fallen, für andere interessant sind (Bügeln, Kuchen backen, Fenster putzen, Computerhilfe)

Realität: Person B ist in einer Lernphase und braucht Unterstützung, um ihre Potenziale zu entdecken und in den Austausch und damit Beziehungsaufbau mit den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft.

Kontext Person C

  • Ist Vorstandsmitglied, seit 10 Jahren im Tauschring und im Bürodienst tätig
  • Hat gerade einen Umzug hinter sich und ist daher stark ins Minus gegangen
  • Hat dieses Minus im Vorfeld beim Vorstand angemeldet und Bürgen benannt, die für sie einspringen, wenn das Konto nicht ausgeglichen würde
  • Hat einen bisherigen Gesamtumsatz von 57.600 Talenten – ein enormer Beitrag zur Gemeinschaft über die Jahre
  • Hat hohes Ansehen und gilt als sehr verlässlich

Realität: Person C ist das Rückgrat der Gemeinschaft, deren temporäres Minus durch ihre langjährige aktive Teilnahme und ihr Engagement mehr als gerechtfertigt ist.

Die Erkenntnis

Würden wir nur die Zahlen betrachten, würden wir Person A loben, Person B ignorieren und Person C kritisieren. Mit Kontextbewusstsein erkennen wir: Person C ist das wertvollste Mitglied der Gemeinschaft, Person B braucht Unterstützung, und Person A verhält sich destruktiv für das System.

Derselbe Mechanismus, den wir im Werkzeugladen und bei den Astronauten gesehen haben, wirkt auch hier: Die Zahl allein sagt nichts. Erst der Kontext gibt ihr Bedeutung.

Intention, Struktur und Kontext: Das vollständige Bild

Burkhard Heims Erweiterung um Intention und Struktur war ein Meilenstein. Wenn wir nun Kontextbewusstsein als gleichwertige Dimension hinzufügen, entsteht ein vollständigeres Verständnis:

  • Intention gibt uns die Richtung – das Warum unseres Handelns
  • Struktur gibt uns die Form – das Wie der Umsetzung
  • Kontext gibt uns die Bedeutung – das Wo, Wann und Wozu unseres Wirkens

Erst im Zusammenspiel dieser drei Dimensionen können wir wirklich begreifen, was geschieht – und bewusst gestalten, was entstehen soll.

Von “Untertan” zu “Gemeinschaft”

Die gesellschaftliche Unbewusstheit über Kontext hält uns in alten Denkmustern gefangen. Wir messen, vergleichen, urteilen – auf Basis von Zahlen, die wir für absolut halten. Wir optimieren Systeme nach Kennzahlen, ohne den Kontext zu berücksichtigen, in dem diese Zahlen entstehen.

Diese Kontextblindheit ist derselbe Mechanismus, der uns glauben lässt, wir könnten die Erde “beherrschen”, ohne die Kontexte zu berücksichtigen – die ökologischen Kreisläufe, die Zeitdimensionen natürlicher Prozesse, die Beziehungsgeflechte zwischen allen Lebewesen.

Der Übergang zu einem Bewusstsein, dass wir mit der Erde in Gemeinschaft sind, erfordert fundamentales Kontextbewusstsein: Zu erkennen, dass jede unserer Handlungen in einem größeren Zusammenhang steht, dass jede Zahl eine Geschichte hat, dass jede Messung einen Rahmen braucht.

Fazit: Eine evolutionäre Notwendigkeit

Kontextbewusstsein ist keine akademische Spielerei. Es ist eine evolutionäre Notwendigkeit für eine Menschheit, die lernen muss, in komplexen Systemen verantwortungsvoll zu handeln – sei es in einem Tauschring, in einer globalen Wirtschaft oder im Umgang mit unserem Planeten.

Ja, nicht jedes Mal spielt der Kontext eine entscheidende Rolle. Aber die Fähigkeit, ihn zu sehen, zu benennen und zu berücksichtigen, ist der Unterschied zwischen Weisheit und Daten, zwischen Gemeinschaft und Ausbeutung, zwischen Evolution und Stagnation.

Burkhard Heim öffnete Türen zu einem erweiterten Verständnis der Realität. Lassen Sie uns durch diese Türen gehen – und Kontextbewusstsein als gleichwertige Dimension in unser Denken und Handeln integrieren.

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Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:

Gruppe B - Kontextbewusstsein:

Gruppe C - Metasystem & Transformation: