Die Diskussion um alternative Wirtschaftskonzepte boomt. Von Gradido über LETS-Systeme bis hin zu verschiedensten Regionalwährungen entstehen weltweit Initiativen, die versprechen, unser dysfunktionales Geldsystem zu überwinden. Doch trotz ihrer guten Absichten scheitern viele dieser Konzepte daran, den Kern des Problems zu erfassen. Der eigentliche Engpass liegt nicht im Medium selbst, sondern im mangelnden Bewusstsein darüber, wie unser aktuelles Gelddenken Innovation, Gemeinschaft und nachhaltiges Wirtschaften systematisch verhindert.
Die vergessene Dimension: intrinsische vs. extrinsische Gelddeckung
Ein fundamentales Problem unseres kollektiven Geldverständnisses liegt in der Ignoranz gegenüber einem entscheidenden Unterschied: der zwischen intrinsischer und extrinsischer Gelddeckung.
Extrinsische Gelddeckung kennen wir alle. Hier wird Geld durch materielle Werte wie Gold, Immobilien, Rohstoffe oder andere Waren gedeckt. Diese Form der Deckung dominiert unser modernes Gelddenken vollständig und erscheint uns als die einzig denkbare Möglichkeit.
Intrinsische Gelddeckung hingegen basiert auf etwas völlig anderem: auf Beziehungsgeflechten, auf Vertrauen, auf Gemeinschaft. Das Geld wird hier durch die sozialen Verbindungen und das gegenseitige Vertrauen der Beteiligten gedeckt. Es existiert nicht unabhängig von den Menschen, sondern ist in ihre Beziehungen eingebettet.
Das Vergessen dieser intrinsischen Dimension ist keine Kleinigkeit. Es repräsentiert einen fundamentalen Bruch in unserem Verständnis davon, was Geld eigentlich ist und sein kann. Solange wir diese Unterscheidung nicht bewusst machen und kommunizieren, werden auch die besten Alternativprojekte unbewusst in die alten Muster zurückfallen – oder schlimmer: Sie werden neue Probleme schaffen, ohne die ursprünglichen zu lösen.
Mutual Credit Systeme
Mutual Credit (gegenseitiger Kredit) ist ein Geldsystem, bei dem Geld durch gegenseitige Kreditvergabe innerhalb einer Gemeinschaft entsteht. Niemand bringt Geld von außen ein. Stattdessen entsteht Geld im Moment einer Transaktion: Wenn A von B kauft, geht As Konto ins Minus, Bs Konto ins Plus. Die Summe aller Kontostände ist immer Null. Das System basiert auf dem Vertrauen, dass negative Kontostände durch zukünftige Leistungen ausgeglichen werden. Historische Beispiele finden sich in vormodernen Gemeinschaften weltweit.
Die historische Entfremdung: Vom sozialen Werkzeug zum Machtinstrument
Wenn wir die Geschichte des Geldes betrachten, erkennen wir einen klaren Trend: Das moderne Geld hat sich im Laufe der Jahrhunderte systematisch von seiner Rolle als soziale Technik, die in gemeinschaftliche Verflechtungen eingebunden war, zu einem isolierten, monolithischen Instrument entwickelt, das auf wenige Menschen konzentrierte Macht und Desinformation ermöglicht.
Ursprünglich war Geld tief in soziale Kontexte eingebettet. Es diente der Koordination gemeinschaftlicher Produktion und Verteilung. Es vermittelte zwischen Menschen, die einander kannten, vertrauten und in langfristigen Beziehungen standen.
Das heutige Geld hingegen funktioniert weitgehend beziehungslos. Es kann anonym akkumuliert, über Kontinente hinweg verschoben und von realen Produktionsprozessen entkoppelt werden. Es hat sich von einem Mittel zur Erleichterung des Austauschs zu einem Selbstzweck entwickelt, dessen Vermehrung zum primären wirtschaftlichen Ziel geworden ist.
Die Auswirkungen dieses zügellosen “Profitdenkens” sind mittlerweile so umfassend, dass wir eine echte Deformation unserer sozialen Gemeinschaften wahrnehmen können. Kurzfristige Gewinnmaximierung untergräbt langfristige Beziehungen. Finanzielle Effizienz wird gegen soziale Kohäsion ausgespielt. Die Fähigkeit, Geld zu akkumulieren, wird wichtiger als die Fähigkeit, funktionierende Gemeinschaften aufzubauen.
Das Dilemma alternativer Währungskonzepte
Angesichts dieser Probleme entstehen überall alternative Wirtschaftskonzepte. Sie versprechen Lösungen, doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich ein fundamentales Missverständnis: Die meisten alternativen Währungskonzepte werden aus dem Denken der extrinsischen Gelddeckung konstruiert – ohne dabei eine extrinsische Deckung zu haben.
Das ist das eigentliche Dilemma: Sie versuchen, die technischen und organisatorischen Merkmale eines extrinsisch gedeckten Systems zu kopieren (Geld als speicherbares Objekt, als privatisierbare Ware, als akkumulierbare Entität), ohne die materielle oder institutionelle Garantie zu haben, die solche Systeme erst funktionsfähig macht. Gleichzeitig übersehen sie vollständig, dass eine Währung ohne extrinsische Deckung eine umso stärkere intrinsische Deckung benötigt – ein dichtes Geflecht von Beziehungen, gegenseitigem Vertrauen, klarer Kontextualität und bewusster Geldkultur.
Statt dies zu verstehen, kombinieren sie im grunde unbewusst nur Teile aus zwei verschiedenen - im Grundsatz erst mal funktionsfähigen - Konzepten so unglücklich, dass dabei dysfunktionale Systeme entstehen.
Gradido
Gradido (Gradido-Akademie für Wirtschaftsbionik) ist ein alternatives Währungskonzept, das sich an natürlichen Kreisläufen orientiert. Kernideen:
- Dreifache Geldschöpfung: Für jeden Menschen werden monatlich 3000 Gradido geschöpft (je 1000 für Grundeinkommen, Staat und Ausgleichs- und Umweltfonds)
- Geplante Vergänglichkeit: 50% des Guthabens vergehen jährlich (negatives Zinssystem)
- Bedingungsloses Grundeinkommen als Basis
Kritik: Dieser Ansatz vermischt traditionelles Gelddenken (Geld als Objekt) mit Schenkökonomie-Ideen, ohne die zugrundeliegenden Bewusstseinsfragen zu adressieren.
LETS (Local Exchange Trading Systems) und Tauschgemeinschaften
LETS sind gemeinschaftsbasierte Systeme gegenseitigen Kredits, die lokale Währungen verwenden. Mitglieder können Waren und Dienstleistungen untereinander handeln und dabei in lokaler Währung bezahlen, die in positiven und negativen Kontoständen erfasst wird. Zins wird nicht erhoben. LETS entstanden in den 1980er Jahren in Kanada und verbreiteten sich weltweit. Sie funktionieren am besten in überschaubaren Gemeinschaften mit starkem sozialem Zusammenhalt.
Kritik aus der Praxis: Aus langjähriger Erfahrung in der Tauschringlandschaft lässt sich beobachten, dass der intrinsische Ansatz mit der Zeit vielfach vergessen und vom alten Gelddenken überlagert wude. Dies führt häufig zu Stagnation oder Überschuldung des Systems, wenn grenzenlose Geldschöpfung aus dem Gemeinschaftskonto ohne entsprechendes Vertrauen und Kontextbewusstsein stattfindet – siehe auch: Überschuldung der Gemeinschaftskonten. Das Fehlen von Bewusstsein darüber, warum Mutual-Credit-Systeme funktionieren, führt dazu, dass sie unbewusst wieder wie traditionelle Währungen behandelt werden und dabei ihre transformative Kraft verlieren.
AcrossLETS
AcrossLETS ist eine Weiterentwicklung klassischer LETS-Systeme, die den Austausch zwischen verschiedenen lokalen LETS-Gemeinschaften ermöglichen soll. Die Idee: Verschiedene lokale Tauschsysteme können miteinander vernetzt werden, sodass Mitglieder überregional handeln können. Dies erweitert die Möglichkeiten, stellt aber auch höhere Anforderungen an Vertrauen und Koordination zwischen den beteiligten Gemeinschaften.
Kritik: Kopiert extrinsische Systemmerkmale ohne die notwendige Garantie und übersieht die erforderliche stärkere intrinsische Deckung.
Betrachten wir Gradido, AcrossLETS und ähnliche Konzepte genauer, fällt eine problematische Vermischung auf: Sie kombinieren das alte Gelddenken – die Vorstellung, Geld sei an und für sich existent und existiere außerhalb von Beziehungen, könne privatisiert und akkumuliert werden – mit dem Gedanken, es brauche eigentlich kein Geld mehr, man könne zu einer Schenkökonomie übergehen.
Doch auch in der Realität vieler deutscher LETS und (sogenannte) Tauschgemeinschaften zeigt sich ein tieferes Problem: Viele haben den ursprünglichen Gedanken der intrinsischen Deckung aus den Augen verloren. Statt Mutual-Credit-Systeme als beziehungsbasierte Koordinationsmechanismen zu verstehen, werden sie oft wie “schlechtes Lokalgeld” behandelt – mit extrinsischen Denkweisen über Wertakkumulation und Leistungsbilanzen. Das Fehlen von Kontextbewusstsein und dem fehlenden Verständnis für die soziale Natur von Geldersatz führt dazu, dass auch alternative Systeme die dysfunktionalen Muster des monolithischen Systems reproduzieren, nur in kleinerem Maßstab.
Dies ist kein technisches, sondern ein kulturelles Problem. Siehe auch: Die unterschätzte Dimension und Kontextbewusstsein.
Diese Vermischung ist kein Zufall, sondern Symptom eines tieferliegenden Missverständnisses.
Die übersehene Kernfrage: Bewusstsein statt Medium
Die zentrale Aufgabe, die diese alternativen Konzepte meiner Ansicht nicht sehen, ist folgende:
Es ist eine Frage des Bewusstseins, nicht des Mediums.
Wenn das Bewusstsein für die nachhaltig funktionierende Sozialtechnik, die in soziale und ökologische Beziehungen eingebunden ist, tatsächlich existieren würde, bräuchte es überhaupt kein völlig neues GELD. Dann könnten wir neben die Staatswährung Euro komplementär die kontextbezogenen, selbstgestalteten Geldsubstitute stellen, die für spezifische Zwecke und Gemeinschaften angemessen sind.
Die verschiedenen alternativen Währungskonzepte verschleiern in meiner Wahrnehmung das eigentliche Problem: Nicht das Medium muss erneuert werden, sondern das Denken darüber, was Geld ist und welche verschiedenen kontextuellen Ausprägungen davon wir an welchen Stellen brauchen.
Eine Regionalwährung ändert nichts, wenn die Menschen, die sie benutzen, weiterhin in den Kategorien von Akkumulation, Knappheit und Wettbewerb denken. Ein Mutual-Credit-System funktioniert nicht, wenn das Vertrauen fehlt und jeder primär seinen individuellen Vorteil maximieren will. Ein bedingungsloses Grundeinkommen schafft keine Gemeinschaft, wenn die zugrundeliegende Kultur von Misstrauen und Isolation geprägt ist.
Was wir wirklich brauchen: Ein Prozess der Bewusstwerdung
Die radikale These lautet daher: Wir brauchen im Grunde kein neues GELD, sondern einen Prozess der Bewusstwerdung über die verschiedenen Dimensionen des Geldbegriffs und welche Schritte es braucht, um dieses Bewusstsein in unsere Kultur einzubetten.
Dieser Bewusstwerdungsprozess müsste folgende Aspekte umfassen:
Verstehen der historischen Entfremdung: Wir müssen nachvollziehen, wie und warum Geld sich von einem sozialen Werkzeug zu einem beziehungslosen Machtinstrument entwickelt hat. Nur wer die Geschichte versteht, kann bewusst andere Wege gehen.
Unterscheidung verschiedener Geldfunktionen: Geld ist nicht gleich Geld. Es gibt Geld als Tauschmittel, als Wertaufbewahrungsmittel, als Recheneinheit, als soziales Koordinationsinstrument. Verschiedene Kontexte brauchen verschiedene Ausprägungen dieser Funktionen.
Anerkennung der Beziehungsdimension: Die Einsicht, dass Geld niemals wirklich außerhalb von Beziehungen existiert, sondern immer soziale Verhältnisse ausdrückt und prägt, ist fundamental. Auch unser aktuelles Geldsystem basiert auf Vertrauen und Beziehungen – wir haben nur vergessen, dies bewusst wahrzunehmen und zu gestalten.
Kontextuelle Differenzierung: Die Erkenntnis, dass wir für verschiedene Bereiche des Lebens möglicherweise verschiedene Formen von Geld oder geldähnlichen Koordinationsmechanismen brauchen. Was im globalen Handel funktioniert, muss nicht in der lokalen Gemeinschaft funktionieren und umgekehrt.
Einbettung in kulturelle Praxis: Schließlich geht es darum, wie dieses neue Bewusstsein nicht nur individuell verstanden, sondern in kollektive Praktiken, Institutionen und kulturelle Selbstverständlichkeiten übersetzt werden kann.
Konsequenzen für die Praxis
Was bedeutet dies praktisch? Es bedeutet nicht, dass alternative Währungsexperimente sinnlos wären. Im Gegenteil: Sie können wertvolle Lernräume sein. Aber sie sollten nicht primär als technische Lösungen verstanden werden, sondern als Übungsfelder für ein neues Geldbewusstsein.
Es bedeutet, dass wir parallel zur Staatswährung komplementäre Geldsysteme entwickeln können, die für spezifische Kontexte angemessen sind – aber nur, wenn wir dabei klar verstehen und kommunizieren, warum und wie diese anders funktionieren.
Es bedeutet auch, dass Bildung und kulturelle Arbeit mindestens ebenso wichtig sind wie die Entwicklung neuer Währungssysteme. Wenn wir nicht lernen, Geld als soziale Technik zu begreifen und bewusst zu gestalten, werden auch die innovativsten alternativen Währungen scheitern oder sich in Richtung der bekannten dysfunktionalen Muster entwickeln.
Fazit: Innovation beginnt im Bewusstsein
Die vielen alternativen Wirtschaftskonzepte, die derzeit entwickelt und erprobt werden, verdienen Anerkennung für ihren Versuch, neue Wege zu gehen. Doch ihr häufigstes Scheitern liegt nicht in technischen Unzulänglichkeiten, sondern im mangelnden Bewusstsein dafür, wie tief unser aktuelles Gelddenken wirkliche Innovation verhindert.
Solange wir nicht den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Gelddeckung verstehen, solange wir die historische Entfremdung des Geldes von seinem sozialen Ursprung nicht nachvollziehen, und solange wir nicht begreifen, dass verschiedene Kontexte verschiedene Formen von Geld erfordern, werden auch die kreativsten neuen Währungen die alten Probleme reproduzieren.
Die Revolution, die wir brauchen, ist keine Revolution des Mediums, sondern eine Revolution des Bewusstseins. Erst wenn wir lernen, Geld als das zu sehen und zu gestalten, was es immer war – eine soziale Technik zur Koordination gemeinschaftlicher Aktivität –, können wir beginnen, es so einzusetzen, dass es menschliches Gedeihen fördert statt verhindert.
Die Frage ist also nicht: Welche neue Währung brauchen wir? Sondern: Welches Bewusstsein über Geld brauchen wir, und wie können wir es kultivieren?
Dieser Beitrag lädt zur Diskussion ein: Welche Erfahrungen habt ihr mit alternativen Währungssystemen gemacht? Wo seht ihr die größten Hindernisse für ein neues Geldbewusstsein in unserer Kultur?
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Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:
- Geldströme sichtbar machen – Die Steuerungsfunktion des Geldes
- Die große Verschmelzung – Wie Finanzkapital die Realwirtschaft übernommen hat
- Jenseits neuer Währungen – Warum Bewusstsein wichtiger ist als neue Währungen
- Kontextuales Geld - Potenziale – Strukturelle Alternativen zur vollzogenen Verschmelzung
Gruppe B - Kontextbewusstsein:
- Kontextbewusstsein – Kontextbewusstsein als Evolutionsfaktor
- Das vergessene Muster – Warum Kontext lebensverändernd ist
- Die unterschätzte Dimension – Kontextblindheit im Alltag beobachtet
- Geld neu denken – Geld als kontextuales Phänomen
Gruppe C - Metasystem & Transformation:
- Geld als Metasystem – Geld als autonomes System
- Monolithisches Geld vs. Vielfältige Geldkultur – Wie verschiedene Geldstrukturen Gemeinschaften prägen
- Vom Mangel zur Fülle – Was Alternative Wirtschaftsprojekte wirklich brauchen
- Transformationsbooster Kontextuales Geld – Kontextbewusstsein als Schlüssel zur Transformation