Wenn wir über Geld nachdenken, fallen uns zunächst die klassischen Funktionen ein, die wir aus dem Wirtschaftsunterricht kennen: Geld als Tauschmittel, als Wertaufbewahrungsmittel, als Recheneinheit. Doch es gibt eine weitere, fundamentale Dimension des Geldes, die in der öffentlichen Debatte erstaunlich unterbelichtet bleibt: seine Steuerungsfunktion.
Mehr als nur ein neutrales Tauschmittel
Die Vorstellung von Geld als neutralem Medium, das lediglich den Austausch von Waren und Dienstleistungen erleichtert, greift zu kurz. Geld ist ein mächtiges Steuerungsinstrument, das bestimmt, wohin Ressourcen fließen, welche Projekte realisiert werden und welche gesellschaftlichen Entwicklungen Vorrang erhalten.
Jeder Euro, jeder Dollar, der investiert wird, ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen alternative Verwendungsmöglichkeiten. Diese Allokationsfunktion des Geldes lenkt nicht nur individuelle Konsumentscheidungen, sondern prägt ganze Volkswirtschaften und gesellschaftliche Strukturen.
Die unsichtbare Hand, die zu wenig gesehen wird
Während Zentralbanken und Finanzministerien die Steuerungswirkung des Geldes längst erkannt und nutzen – durch Zinspolitik, Geldmengenkontrolle oder fiskalische Anreize – bleibt diese Dimension in der breiteren Öffentlichkeit oft abstrakt und unsichtbar.
Beispiele für die Steuerungsfunktion in der Praxis:
-
Zinssätze bestimmen, ob Unternehmen investieren oder Menschen Kredite aufnehmen. Ein niedriger Zins fördert Investitionen und Konsum, ein hoher dämpft sie.
-
Steuern und Subventionen lenken wirtschaftliche Aktivitäten in gewünschte Bahnen. Die Förderung erneuerbarer Energien oder die Besteuerung von CO₂ sind klassische Steuerungsinstrumente.
-
Geldpolitische Maßnahmen wie quantitative Lockerung beeinflussen nicht nur Inflationsraten, sondern auch Vermögenspreise, Einkommensverteilung und Investitionsverhalten.
-
Kredite und Kreditvergabe entscheiden darüber, welche Geschäftsideen realisiert werden können und welche mangels Finanzierung auf der Strecke bleiben.
Warum wird die Steuerungsfunktion unterschätzt?
Es gibt mehrere Gründe, warum diese Dimension des Geldes im öffentlichen Bewusstsein unterrepräsentiert ist:
Komplexität und Abstraktheit: Die Wirkmechanismen monetärer Steuerung sind komplex und für Laien oft schwer nachvollziehbar. Die kausalen Zusammenhänge zwischen geldpolitischen Entscheidungen und ihren realen Auswirkungen sind nicht unmittelbar sichtbar.
Zeitverzögerung: Steuerungseffekte treten oft erst mit Verzögerung ein. Zwischen einer Zinsänderung und ihren volkswirtschaftlichen Folgen können Monate oder Jahre liegen.
Ideologische Verklärung: Die Vorstellung vom “freien Markt” suggeriert, dass wirtschaftliche Prozesse sich selbst regulieren. Die aktive Steuerungsfunktion des Geldes passt nicht in dieses Narrativ und wird daher teilweise ausgeblendet.
Die gesellschaftlichen Konsequenzen der Steuerung
Die Steuerungsfunktion des Geldes ist nicht neutral. Sie spiegelt Machtverhältnisse wider und reproduziert sie zugleich. Wer über die Geldströme entscheidet, bestimmt die Richtung gesellschaftlicher Entwicklung mit.
In Zeiten der Klimakrise, der Digitalisierung und wachsender sozialer Ungleichheit wird die Frage, wie Geld als Steuerungsinstrument eingesetzt wird, zur politischen Kernfrage: Fließt Kapital in nachhaltige Technologien oder in fossile Infrastruktur? Werden Bildung und Gesundheit gefördert oder vernachlässigt? Konzentriert sich Vermögen zunehmend oder wird es umverteilt?
Ein Plädoyer für mehr Aufmerksamkeit
Es ist an der Zeit, die Steuerungsfunktion des Geldes stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Denn nur wer versteht, wer und wie Geld lenkt und steuert, kann informiert über wirtschaftspolitische Maßnahmen diskutieren und sich an demokratischen Entscheidungsprozessen beteiligen.
Bildung und Transparenz sind hier entscheidend – aber nicht als etwas, das von oben herab vermittelt wird. Es geht darum, dass wir selbst die Bildung in die Hand nehmen: Gemeinschaften, Bürgergruppen und einzelne Menschen müssen das Wissen über Geldsteuerung aktiv erwerben und weitergeben. Nur wenn breite Teile der Bevölkerung verstehen, wie Geld lenkt und steuert, entsteht die Basis für echte Mitsprache.
Genauso wichtig ist es, dass wir die Transparenz nicht nur fordern, sondern selbst aktiv gestalten. Das bedeutet: Wir dokumentieren Geldflüsse in unseren Gemeinschaften und Systemen sichtbar. Wir machen Entscheidungen über Geldverteilung nachvollziehbar. Wir schaffen Räume, in denen die Steuerungsfunktion des Geldes offen diskutiert wird – nicht in den Hinterzimmern von Finanzinstitutionen, sondern dort, wo Menschen zusammen entscheiden, wohin ihr Geld fließen soll.
Demokratische Mitbestimmung entsteht nicht durch Forderungen allein, sondern durch das Handeln selbst: durch Bildung in Eigenverantwortung und durch die bewusste, transparente Gestaltung von Geldflüssen auf allen Ebenen – lokal, regional, gesellschaftlich.
Fazit
Geld ist weit mehr als ein neutrales Tauschmittel. Es ist ein Steuerungsinstrument mit enormer gesellschaftlicher Wirkung. Diese Funktion verdient mehr Aufmerksamkeit in der öffentlichen Debatte, denn sie betrifft uns alle. Nur wenn wir verstehen, wie Geld lenkt, können wir darüber mitentscheiden, wohin es uns lenkt.
Die Frage ist nicht, ob Geld steuert, sondern wer steuert und wohin. Und das ist eine Frage, die uns alle angeht.
Weiterlesen
Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:
- Geldströme sichtbar machen – Die Steuerungsfunktion des Geldes
- Die große Verschmelzung – Wie Finanzkapital die Realwirtschaft übernommen hat
- Jenseits neuer Währungen – Warum Bewusstsein wichtiger ist als neue Währungen
- Kontextuales Geld - Potenziale – Strukturelle Alternativen zur vollzogenen Verschmelzung
Gruppe B - Kontextbewusstsein:
- Kontextbewusstsein – Kontextbewusstsein als Evolutionsfaktor
- Das vergessene Muster – Warum Kontext lebensverändernd ist
- Die unterschätzte Dimension – Kontextblindheit im Alltag beobachtet
- Geld neu denken – Geld als kontextuales Phänomen
Gruppe C - Metasystem & Transformation:
- Geld als Metasystem – Geld als autonomes System
- Monolithisches Geld vs. Vielfältige Geldkultur – Wie verschiedene Geldstrukturen Gemeinschaften prägen
- Vom Mangel zur Fülle – Was Alternative Wirtschaftsprojekte wirklich brauchen
- Transformationsbooster Kontextuales Geld – Kontextbewusstsein als Schlüssel zur Transformation