Geld ist allgegenwärtig, doch sein Wesen bleibt erstaunlich unklar. Während wir täglich mit Euro, Dollar oder Bitcoin hantieren, haben wir selten eine präzise Vorstellung davon, was Geld eigentlich ist, wie es funktioniert – und vor allem: wie es funktionieren sollte. Dieser Beitrag untersucht den Geldbegriff aus drei komplementären Perspektiven, die gemeinsam zeigen, warum unser gegenwärtiges Geldsystem sowohl konzeptionell als auch praktisch an seine Grenzen stößt.

A) Geldbegriff verstehen: Die Idee des kontextualen Geldes

Um Geld wirklich zu verstehen, müssen wir uns von der Vorstellung lösen, es gäbe ein universelles Wesen des Geldes. Stattdessen sollten wir Geld als kontextuales Phänomen begreifen – als etwas, das seine Bedeutung und Funktion erst im jeweiligen sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontext erhält.

Kontextuales Geld bedeutet anzuerkennen, dass verschiedene Geldformen unterschiedliche Zwecke erfüllen und in unterschiedlichen Kontexten entstehen. Ein Bitcoin funktioniert anders als ein Regionalwährungsgutschein, und beide unterscheiden sich fundamental von Zentralbankgeld. Ihre jeweilige Berechtigung, ihr Wert und ihre Funktion ergeben sich aus dem spezifischen Kontext, in dem sie eingesetzt werden.

Diese Perspektive befreit uns von der Suche nach der einen “wahren” Gelddefinition und öffnet den Blick für die tatsächliche Vielfalt monetärer Praktiken. Geld ist nicht einfach da – es wird in spezifischen Kontexten geschaffen, akzeptiert und mit Bedeutung aufgeladen. Der Kontext bestimmt, welche Eigenschaften ein Geldmittel haben muss, wer es schöpfen kann und welche Regeln für seine Verwendung gelten.

B) Die fehlerhafte Konstruktion: Wenn Funktionen nicht mehr funktionieren

Unser gegenwärtiges Geldsystem basiert auf einer Theorie, die drei klassische Geldfunktionen postuliert: Tauschmittel, Wertmesser und Wertaufbewahrung. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass das moderne Geld diesen Funktionen kaum noch gerecht wird – oder dass die Funktionen selbst konzeptionell problematisch geworden sind.

Geld als Tauschmittel: Die verlorene Neutralität

Geld ist heute längst kein “reines” Tauschmittel mehr. Während klassische Ökonomen Geld als neutrales Medium betrachteten, das lediglich den Austausch von Gütern und Dienstleistungen erleichtert, ist modernes Geld tief in Macht- und Herrschaftsstrukturen eingebettet. Die Frage, wer Geld schöpfen darf und unter welchen Bedingungen, ist keine technische, sondern eine hochpolitische Frage mit weitreichenden Verteilungseffekten.

Die Wertmesserfunktion: Ad absurdum geführt

Besonders dramatisch zeigt sich die Dysfunktion bei der Wertmesserfunktion. Wenn Geschäftsbanken durch Kreditvergabe “Geld aus dem Nichts” schöpfen können – ohne dass diesem Geld ein entsprechender realer Wert gegenübersteht – wird die Maßstabsfunktion zur Farce. Wie soll Geld als stabiler Wertmaßstab dienen, wenn seine Menge nicht durch reale wirtschaftliche Wertschöpfung begrenzt oder durch die persönliche Haftung der am System teilnehmenden gedeckt ist, sondern durch die Kreditvergabebereitschaft privater Banken?

Hier zeigt sich die Bedeutung unterschiedlicher Deckungslogiken, die komplementär zusammen funktionieren sollten: Bei intrinsischer Deckung entsteht der Wert aus dem Beziehungsgeflecht der Gemeinschaft selbst – die Gemeinschaft ist Garant ihres eigenen Geldes (wie bei Mutual-Credit-Systemen oder LETS). Bei extrinsischer Deckung basiert der Wert auf externen Garantien – sei es durch materielle Werte (Gold, Warengeld) oder institutionelle Macht (Staat, Zentralbank). Beide Formen haben ihre Berechtigung in unterschiedlichen Kontexten. Das Problem unseres gegenwärtigen Systems ist nicht extrinsische Deckung per se, sondern eine verzerrte Form: Die private Geldschöpfung durch Kreditvergabe ist extrinsische Deckung ohne Korrektiv. Das Versprechen, einen bestimmten Wert darzustellen, wird durch unbegrenzte Ausweitung entwertet – weil keine Gemeinschaft als Korrektiv wirken kann. Extrinsische und intrinsische Deckung müssen sich gegenseitig begrenzen.

Wertaufbewahrungsfunktion: Missverständlich in der Moderne

Die klassische Wertaufbewahrungsfunktion bezog sich historisch auf Geldsysteme, die durch reale Werte gedeckt waren – Immobilien, Gold, landwirtschaftliche Produktion. In einer Zeit, in der Geldschöpfung weitgehend durch Kreditvergabe erfolgt und der Zusammenhang zwischen Geldmenge und realen Werten immer loser wird, ist diese Funktion mindestens missverständlich geworden.

Besonders problematisch ist die vermeintliche “Deckung” durch Aktienvermögen und Finanzanlagen. Diese ist hochgradig volatil und vor allem: selbstreferentiell. Geldschöpfung durch Kredit ermöglicht Aktienkäufe, steigende Aktienkurse dienen als “Deckung” für weitere Kredite, die wiederum Aktienkäufe finanzieren. Schöpfung und Deckung beziehen sich hier wechselseitig aufeinander – ohne dass ein wirklicher Gegenwert außerhalb dieses Zirkels existiert. Diese Selbstreferentialität macht das System fragil und anfällig für abrupte Korrekturen.

Inflation, Negativzinsen und die systemische Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum zur Aufrechterhaltung der Schuldentragfähigkeit zeigen: Modernes Geld ist kein zuverlässiger Wertspeicher mehr, sondern ein dynamisches Medium, das strukturell auf Bewegung und Entwertung angelegt ist.

Doch auch hier zeigt sich die Kontextabhängigkeit: Die Frage, wie Wert “aufbewahrt” wird, hat je nach Kontext völlig unterschiedliche Antworten. In echten Gemeinschaften – etwa in funktionierenden Mutual-Credit-Systemen oder Tauschringen – wird Wert nicht in einem abstrakten Medium gespeichert, sondern in der sozialen Bezüglichkeit selbst. Wer heute für andere leistet, baut Vertrauen und Beziehungen auf, die morgen Gegenleistungen ermöglichen. Diese Form der intrinsischen “Wertspeicherung” ist stabiler als jedes Aktiendepot, weil sie auf lebendigen Beziehungen statt auf selbstreferentiellen Finanzkonstrukten beruht.

C) Die unsachgemäße Bedienung: Warum Monokultur nicht funktioniert

Selbst wenn wir die konzeptionellen Probleme des modernen Geldes beiseite lassen, bleibt ein fundamentales praktisches Problem: Die Idee, ein einziges zentrales Staatsgeld könne allen unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Anforderungen gerecht werden, ist eine gefährliche Monokultur.

Die notwendige Vielfalt: Komplementäre Deckungsformen im Nebeneinander

Verschiedene ökonomische Aktivitäten erfordern verschiedene Formen monetärer Koordination. Diese sollten nicht nebeneinander existieren, sondern ineinander verwoben arbeiten:

Geld mit intrinsischer Deckung – bei dem die Gemeinschaft selbst Garant des Wertes ist (etwa Mutual-Credit-Systeme oder LETS-Tauschringe) – stabilisiert lokale Wirtschaftskreisläufe durch persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen. Es wirkt als lokales Korrektiv gegen Machtkonzentration und unbegrenzte Schöpfung.

Geld mit extrinsischer Deckung – durch materielle Werte, staatliche Garantien oder institutionelle Macht – ermöglicht überregionale und anonyme Transaktionen, bei denen sich Transaktionspartner nicht kennen. Es schafft Skalierbarkeit und ermöglicht globale Koordination.

Die Kraft liegt im Zusammenspiel: Intrinsische Systeme halten extrinsische Systeme lokal verankert und demokratisch kontrollierbar. Extrinsische Systeme ermöglichen die wirtschaftliche Komplexität, die moderne Gemeinschaften brauchen. Ohne diese gegenseitige Begrenzung führt jedes System zu Extremen – absolute Intrinsität in Isolation ist nicht skalierbar, absolute Extrinsität führt zu entfesselter Machtkonzentration.

Zeitbasierte Währungen, bei denen eine Stunde Arbeit eine Stunde wert ist, unabhängig von der Art der Tätigkeit, können soziale Gerechtigkeit fördern und Bereiche erschließen, die im regulären Geldkreislauf unterbewertet bleiben. Warengeld oder Mutual-Credit-Systeme, bei denen Teilnehmer sich gegenseitig Kredit gewähren ohne zentrale Institution, können Resilienz und lokale Selbstorganisation stärken.

Lokale und regionale Differenzierung

Die Anforderungen an Geld unterscheiden sich erheblich zwischen urbanen Zentren und ländlichen Regionen, zwischen wohlhabenden und strukturschwachen Gebieten. Ein zentralisiertes Einheitsgeld kann diese Unterschiede nicht abbilden. Regionales Geld kann lokale Wirtschaftskreisläufe stärken, Kapitalabfluss verhindern und an spezifische regionale Bedürfnisse angepasst werden.

Sektorale Diversität

Besonders problematisch ist die Unterversorgung bestimmter gesellschaftlicher Sektoren mit “passendem” Geld. Der Gesundheitssektor, das Bildungswesen, kulturelle Aktivitäten und Pflegebereiche folgen eigenen Logiken, die sich schlecht in rein quantitative monetäre Bewertungen pressen lassen. Sektorspezifische Komplementärwährungen könnten hier Räume schaffen, in denen andere Werte und Prioritäten gelten – etwa Care-Token für Pflegeleistungen oder Bildungsgutscheine, die nicht beliebig in Konsumgüter konvertierbar sind.

Unterschiedliche Schöpfungsmöglichkeiten

Auch die Art und Weise, wie Geld geschöpft wird, sollte vielfältig sein. Neben der staatlichen und privat-banklichen Geldschöpfung brauchen wir community-basierte Schöpfungsmechanismen, demokratisch kontrollierte lokale Währungen und peer-to-peer-Kreditsysteme. Diese Vielfalt verhindert Machtkonzentration und ermöglicht es verschiedenen Gemeinschaften, ihre monetäre Infrastruktur an ihre Werte und Bedürfnisse anzupassen.

Fazit: Vom Monolith zum Geldökosystem

Die drei Perspektiven – das kontextuale Verständnis von Geld, die Analyse seiner konstruktiven Fehler und die Forderung nach praktischer Vielfalt – führen zu einer gemeinsamen Einsicht: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel von der Fiktion eines universellen, monopolistischen Geldes zu einem dynamischen Ökosystem komplementärer Geldformen.

Dieses Ökosystem basiert nicht auf “entweder-oder”, sondern auf “sowohl-als-auch”:

  • Intrinsische und extrinsische Deckung arbeiten zusammen – jede begrenzt die Extremen der anderen
  • Lokal verankerte Systeme und globale Strukturen ermöglichen gleichzeitig Selbstbestimmung und Koordination
  • Verschiedene Geldformen für verschiedene Kontexte ermöglichen es, unterschiedliche Werte und Prioritäten abzubilden, statt alles auf eine einzige quantitative Skala zu zwingen

Ein solches System wäre komplexer als unser gegenwärtiges Monopolgeld – aber auch resilienter, gerechter und funktionaler. Der entscheidende Punkt: Diese Vielfalt ist nicht chaotisch, sondern bewusst strukturiert – Geldformen mit klaren Grenzen, gegenseitiger Begrenzung und expliziter Komplementarität.

Denn die Erkenntnis ist einfach: Geld ist nicht eins, sondern vieles. Und diese Vielfalt ist keine Schwäche, sondern die notwendige Bedingung dafür, dass monetäre Systeme den vielfältigen und sich wandelnden Bedürfnissen menschlicher Gemeinschaften wirklich dienen können.

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Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:

Gruppe B - Kontextbewusstsein:

Gruppe C - Metasystem & Transformation: