Die klassischen Geldfunktionen – noch zeitgemäß?

Wir alle kennen sie aus dem Wirtschaftsunterricht: Geld dient als Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel und Recheneinheit. Diese drei klassischen Funktionen beschreiben Geld als neutrales Werkzeug – ein Instrument, das Gemeinschaften sich geschaffen haben, um effizienter zusammenzuarbeiten, Handel zu treiben und wirtschaftliche Werte zu messen.

Doch diese Definition stammt aus einer Zeit, in der Geld tatsächlich noch ein Werkzeug in der Hand von Gemeinschaften war. Heute müssen wir ehrlich feststellen: Geld ist längst kein neutrales Instrument mehr, sondern ein autonomes Metasystem, das über den demokratischen Institutionen ganzer Nationen schwebt – oft außerhalb ihrer Kontrolle.

Der große Shift: Vom Werkzeug zum System

Historisch betrachtet war das Verhältnis klar geregelt: Die Gemeinschaft – durch ihre demokratischen Instanzen – setzte den Rahmen. Sie organisierte soziale Interaktion, gesellschaftliche Teilhabe, Infrastruktur, Bildung und Gesundheitsversorgung. Geld war das effiziente Mittel zum Zweck, diese gemeinschaftlichen Ziele zu erreichen.

Was ist passiert? Durch die Globalisierung der Märkte, die Deregulierung des Finanzsektors und dem Glauben, dass Märkte und Kapitalströme sich selbst am besten regulieren – haben wir eine fundamentale Machtverschiebung erlebt. Funktionen, die einst demokratisch organisiert und kontrolliert wurden, haben wir dem “Geldsystem” übertragen. Adam Smiths “unsichtbare Hand” wurde von einem beschreibenden Konzept zu einer normativen Doktrin erhoben.

Das Ergebnis: Macht hat sich aus den Gemeinschaften heraus konzentriert – nicht in demokratisch legitimierten Institutionen, sondern in den Händen einzelner Akteure, Konzerne und Finanzstrukturen, die das globale Geldsystem beherrschen.

Die unsichtbaren Funktionen: Was Geld wirklich tut

Um zu verstehen, wie diese Machtverschiebung konkret funktioniert, müssen wir die unsichtbaren oder unbewusst gewordenen Funktionen von Geld in den Blick nehmen:

1. Geld als Herrschaftsinstrument

Wer Geldströme kontrolliert, kontrolliert Entscheidungen – von individuellen Lebensläufen bis zu staatlichen Politiken. Geld bestimmt nicht nur, was produziert wird, sondern auch wer Zugang zu Bildung, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe hat. Diese Funktion war früher stärker durch soziale Sicherungssysteme und demokratische Umverteilung eingehegt. Heute dominiert sie zunehmend ungefiltert.

2. Geld als Organisationsprinzip gesellschaftlicher Prioritäten

Nicht demokratische Prozesse, sondern Renditeerwartungen entscheiden zunehmend, welche Innovationen gefördert, welche Infrastrukturen gebaut und welche Forschung betrieben wird. Geld ist vom Mittel zur Umsetzung gemeinschaftlicher Ziele zum Selektionsmechanismus geworden, der bestimmt, welche Ziele überhaupt verfolgt werden.

3. Geld als Disziplinierungsmechanismus

Staatsschulden, Kreditwürdigkeit, Investorenvertrauen – diese Konzepte funktionieren als externe Kontrollinstanzen über demokratisch gewählte Regierungen. Länder wie Griechenland, Argentinien oder selbst große Volkswirtschaften wie Deutschland erfahren Grenzen ihrer Souveränität, wenn internationale Finanzmärkte “das Vertrauen verlieren”. Geld diszipliniert Politik.

4. Geld als Zeitmaschine

Durch Kredit und Zins organisiert Geld nicht nur die Gegenwart, sondern verpfändet systematisch Zukunft. Zukünftige Arbeitskraft, zukünftige Ressourcen, zukünftige Generationen werden durch heutige Finanzentscheidungen gebunden. Diese intertemporale Machtfunktion bleibt in den klassischen Definitionen völlig unsichtbar.

5. Geld als Narrativ- und Bedeutungsgenerator

Geld schafft Realität, indem es definiert, was “wertvoll” ist. Unbezahlte Care-Arbeit, intakte Ökosysteme, soziale Kohäsion – all das existiert ökonomisch nicht, solange es nicht monetarisiert wird. Geld ist nicht nur Spiegel von Wert, sondern Produzent von Wertvorstellungen.

6. Geld als Identitätsstifter

Einkommen, Vermögen, Kaufkraft definieren zunehmend soziale Identität und Selbstwert. Geld ist vom ökonomischen Mittel zum existenziellen Status-Indikator geworden, der über Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstachtung entscheidet.

7. Geld als Marktzugangsschranke

Nach Prof. Brodbeck fungiert Geld nicht nur als Tauschmittel, sondern auch als Zugangsschranke zu Märkten und Ressourcen. Wer kein Geld hat, hat keinen Zugang – nicht zu Lebensmitteln, nicht zu Wohnung, nicht zu Bildung. Geld bestimmt damit, wer am wirtschaftlichen Leben teilnehmen darf und wer ausgeschlossen wird. Diese Selektionsfunktion ist eine unsichtbare Machtfunktion, die Ungleichheit systematisch reproduziert und manifestiert.

Geld im Plural: Komplementäre Deckungsformen und Kontexte

Diese erweiterte Funktionsliste macht deutlich, warum kontextuales Geld – also das bewusste Nebeneinander verschiedener Geldformen – notwendig ist. Dabei arbeiten unterschiedliche Deckungslogiken komplementär zusammen:

Extrinsische Deckung (durch externe Garantien wie Staat, Gold, Ressourcen oder institutionelle Macht) erfüllt zentrale Funktionen für überregionale und anonyme Transaktionen. Sie ermöglicht skalierbare Systeme, bei denen sich Transaktionspartner nicht kennen müssen. Allerdings tendiert sie dazu, die “Zeitmaschinen-Funktion” zu intensivieren und externe Machtverhältnisse zu reproduzieren.

Intrinsische Deckung (durch Beziehungsgeflechte, gegenseitiges Vertrauen und gemeinschaftliche Vereinbarungen wie in Mutual-Credit-Systemen oder LETS) ergänzt diese Systeme vor Ort und in lokalen Kontexten. Hier wird Wert nicht extern garantiert, sondern kontinuierlich durch die Beziehungen der Gemeinschaft selbst erzeugt und stabilisiert. Die Gemeinschaft fungiert als lebendiges Korrektiv, das Machtkonzentrationen und unbegrenzte Verpfändung der Zukunft begrenzt.

Die zentrale Erkenntnis ist nicht “entweder-oder”, sondern: Verschiedene Kontexte brauchen verschiedene Geldformen und Deckungslogiken – parallel und ineinander verwoben. Geld für lokale Gemeinschaften muss andere Funktionen erfüllen als Geld für globalen Handel. Geld für langfristige ökologische Regeneration braucht andere Mechanismen als Geld für kurzfristige Konsumtion. Und diese können – und sollten – nebeneinander existieren.

Die Rückgewinnung demokratischer Kontrolle

Fundamental brauchen wir zunächst eine Erarbeitung eines neuen Geldbewusstseins – das ist die Grundlage für alle Veränderungen. Denn solange nur Expertinnen verstehen, was Geld ist und wie es wirkt, bleiben wir als Gemeinschaft ohnmächtig. Erst wenn wir als Gemeinschaft (nicht nur Spezialistinnen) verstehen, was Geld ist und wie es uns prägt, können wir eine neue Geldkultur etablieren. Auf dem Boden dieser neuen, bewussten Geldkultur kann dann ein authentisches neues Geldbewusstsein entstehen – eines, das nicht vom Geldismus geprägt ist, sondern von demokratischer Mitverantwortung.

Die zentrale Frage ist dann: Wie holen wir Geld von einem autonomen Metasystem zurück zu einem Werkzeug der Gemeinschaft?

Einige Ansätze:

  • Pluralität der Geldsysteme: Verschiedene Geldformen für verschiedene Zwecke – Regionalwährungen, Zeitbanken, ökologisch gebundene Währungen neben dem globalen Geld
  • Demokratische Geldschöpfung: Gemeinschaftliche Kontrolle über Geldschöpfung statt Monopol des Bankensektors
  • Transparenz der unsichtbaren Funktionen: Offenlegung und bewusste Gestaltung der Herrschafts-, Disziplinierungs- und Narrativfunktionen

Fazit: Geld neu denken – vom Metasystem zur gemeinschaftlichen Verantwortung

Die klassische Definition von Geld als Tauschmittel, Wertaufbewahrung und Recheneinheit ist überholt und gefährlich unvollständig. Sie verschleiert die realen Machtfunktionen, die Geld heute ausübt.

Wenn wir Geld wieder als demokratisches Werkzeug zurückgewinnen wollen, müssen wir zunächst ehrlich benennen, was es tatsächlich tut: Es herrscht, es organisiert Prioritäten, es diszipliniert Politik, es verpfändet Zukunft, es produziert Bedeutung, es stiftet Identität, und es schrankt den Marktzugang ein.

Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Der entscheidende Schritt ist die Entwicklung eines neuen Geldbewusstseins, das über Spezialistinnenwissen hinausgeht. Solange Geld ein rätselhaftes Mysterium bleibt, dem nur Expertinnen beikommen, bleiben wir als Gemeinschaften entmachtet. Wenn wir jedoch gemeinsam verstehen, wie Geld funktioniert und wie es uns alle prägt, können wir eine neue Geldkultur schaffen – eine, die auf demokratischer Mitverantwortung statt auf ohnmächtiger Abhängigkeit basiert.

Erst wenn wir diese Funktionen sehen, anerkennen und ein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, können wir beginnen, Geldsysteme zu gestalten, die tatsächlich den Gemeinschaften dienen – statt sie zu beherrschen.

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Gruppe A - Verschmelzung von Finanz- und Realwirtschaft:

Gruppe B - Kontextbewusstsein:

Gruppe C - Metasystem & Transformation: